Freitag, 30. Dezember 2011

2012




2012


Anfang, Aufräumen, Appetit, Aussprachen, Achtung, Ablachen,  Anmut, Aalen, Ändern, Abfahren, Aufrecht, Abduschen, Augenmerk, Abbremsen, Abspecken, Aufwirbeln, Adler, Altlasten abwerfen, Aufschwung, Achsen, Adeln, Ansehen, Alleinsein, Ähren, Aufhalten, Abnabeln, Antrieb, Aussteigen, Amseln, Afrika, Altern, Aufleben, Ananas, Akustik, Allerlei, Anlaufen, Aberwitz, Aufsitzen, Astlöcher, Apfelbäume, Applaus, Atmen, Azaleen, Abendkleider ...


christA frontzeck

Samstag, 24. Dezember 2011

24. "Türchen"

"Einfach mal abhängen über die Feiertage!"



"Ja die jährlich Weihnachtszeit - hält so manchen Stress bereit -

Warum der Stress? - Man braucht nicht viel -

Doch nur ein wenig gut Gefühl -

Und Liebe um sie zu verschenken - wir wollen auch an andere denken -

Und dankbar durch das Leben schreiten - und uns erfreuen an dem Weiten... -

Firmament -

Mein Gott, wo ist denn nur mein Hemd??? -

... ach, wie dumm, es hängt... - auf der Wäscheleine ganz verpennt -

So schreib ich fix, weil ich sonst nix... Zustände kriege:

Frohe Weihnacht... mit viel Liebe!!!"
 

(und - wie im vergangenen Jahr - bleiben sie wieder namenlos, mein WeihnachtsMann und seine Rentiere.)

Freitag, 23. Dezember 2011

23. "Türchen"


 "das ist kein Brett für 'vor dem Kopf'

Das ist ein Brett mit einem Loch -"



 (+ kunstvollem Glasanhänger an einem Lederband)

"Nun ist beinah vorüber -

Die schöne Adventszeit -

Selbst viele Sterne prangen -

Am Himmel weit und breit -

Nunmehr ist auch mein Wirken -

für dieses Jahr vollbracht -

ich hoffe sehr, es hat dir -

auch sehr viel Freude gemacht -

so sagen wir schon jetzt -

leb' wohl, mach's gut, ade -

wir gehen nun nach Hause,

da wo es gibt viel Schnee."


(Der WeihnachtsMann und seine Rentiergehilfen)


Reich beschenkt wurde ich in diesen 23 Tagen. - Am Abend des 22. habe ich einen Umschlag mit meinem Dank aussen an den Briefkasten geklebt. Am Mittag des 23. war er weg, und ich habe keine Ahnung, wem der Dank gilt.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

22. "Türchen"

Heute hab' ich Schwierigkeiten mit dem Fund im Briefkasten. Am besten finde ich den "Schnappschuss":





Ohne Blitz und ohne die Karte aus dem Umschlag genommen zu haben, sieht es so aus:


und die Rückseite so:




(("... Ist die Liebe wohl das schönste Kleid"! (?))

Dienstag, 20. Dezember 2011

Montag, 19. Dezember 2011

Sonntag, 18. Dezember 2011

18. "Türchen"





Weihnachtsgedicht für C.F.


Wenn der Schnee rieselt hernieder -

Singen Menschen frohe Lieder -

Tannenzweige, Kranz und Kerzen -

Wärmer wird's in unseren Herzen -

Das fest an dem wir Freude schenken -

Weil wir auch an andere denken -

Doch wollen wir bescheiden sein -

Denn wichtig ist doch ganz allein -

Dass Friede kommt in unsere Herzen -

Denn erst dann erleidet keiner Schmerzen!!!


Verfasser: der WeihnachtsMann mit seinen Rentiergehilfen

Freitag, 16. Dezember 2011

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Dienstag, 13. Dezember 2011

13. "Türchen"


Eine der beiden Tüten habe ich geöffnet und das Tuch auf einen Heizkörper gelegt; jetzt breiten sich die Düfte aller Weihnachtssünden aus.

Montag, 12. Dezember 2011

12. "Türchen"







"Süßes hin und Süßes her -

Weihnacht' ... einmal im Jahr und nicht mehr -

Denk' ich doch voll Inigkeit -

An Menschen, egal ... ob weit und breit -

Ob groß, ob klein, ob alt, ob jung -

Denn selbst die Erde ist ja rund -

Ob gelb, ob schwarz oder auch weiß -

Vor dem Firmament sind alle gleich! -"



(s.a.: http://morethanartberlin.blogspot.com/2011/12/adventskalender-2011.htm)

Sonntag, 11. Dezember 2011

11. "Türchen"





"Es webt sodann die Nebelfrau -

Sie macht manch' Tage trüb und grau -

Die Bäume waren kahl im nu -

Das Einzig' was den Tag erhellt -

Kannst du nicht kaufen -

Trotz viel Geld -

Der Funke der im Herzen sitzt -

Erhellt ganz zart dein Angesicht!"


Freitag, 9. Dezember 2011

9. "Zu Weihnachten wieder aktiv: die Backwahn-Sekte

"Frauen ja, das schreib ich dir -

Sind anders als das MannsGetier -

Frauen backen Plätzchen gerne -

Stehen stundenlang am Herde -

Und so hoffe ich nun sehr -

Dass du spürest ihr Begehr -

Zähme doch das Tier im Mann -

Und karre viele Plätzchen an!"






(s.a.: http://morethanartberlin.blogspot.com/2011/12/adventskalender-2011.html)

Donnerstag, 8. Dezember 2011

8. "Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht."

"Das rote Band verbindet -

Auch wenn der Geist entschwindet -

Es präsentiert Zusammenhalt -

Verhindert, dass die Liebe wird kalt -

Die wahre Lieb' ist keine Ware -

Das sag' als WeihnachtsMann ich unerfahren -

Die wahre Weihnacht fällt jedoch -

Durch das Einkaufsstraßenloch!"


(Verfasser nach wie vor unbekannt)



(s.a. : http://morethanartberlin.blogspot.com/2011/12/adventskalender-2011.html)

Mittwoch, 7. Dezember 2011

7. "Türchen"




"Im Leben ist schon öfter mal -

Manch harte Nuss zu knacken -

Jedoch das macht rein gar nichts aus -

Wichtig ist nur das täglich..."


s.a. http://morethanartberlin.blogspot.com/2011/12/adventskalender-2011.html  

Dienstag, 6. Dezember 2011

6.12. - Nikolaustag




Falls dich vielleicht die Frage quält -

Wieso wir dich haben ausgewählt -

Du hast schon so viel Gutes getan -

Und kümmerst Dich um vieles -

Wer kuckt sich Deine Bedürfnisse an?

Gibt es denn deren viele?

Dass wir den weiten Weg nun gehen -

ist uns gar keine Plage -

Im Gegenteil -

Wir finden es schön -

Das wollen wir ganz klar sagen -

Du hast verdient das Alles, JA! -

Das wollen wir lautstark sagen!


(Der WeihnachstMann und seine Rentiergehilfen)


s.a.: http://morethanartberlin.blogspot.com/2011/12/adventskalender-2011.html

Samstag, 3. Dezember 2011

Adventskalender 2011


Manch einer erinnert sich an den überraschenden Adventskalender, den mir jemand im Dezember 2010 beschert hat? - Wer auch immer mir die 24 Karten in meinen Briefkasten geworfen hat, es hat sich nie aufgeklärt.

Am 1.12.2011 war die erste Karte des neuen Zyklus im Kasten, - wie im Vorjahr keine Postsendung mit Briefmarke. - Privateinwurf!

Vorderseite: "Wir sind startklar!" (Comiczeichnung mit Elcheltern plus zwei Kinderelchen, in der Mitte der Weihnachtsmann mit glitzerndem Bart und einem Päckchen.) - Auf der Rückseite ist die goldene 1 auf rotem kleinen Viereck aufgeklebt und ein per Drucker auf weißem Papier aufgedruckter Text, der dann nicht mit der Schere auf die passende Größe geschnitten wurde, sondern dessen Ränder per Hand gerissen sind, wie ich es auch oft mache. (Das läßt mich vermuten, dass es eine Person ist, die mich doch etwas besser kennt.)

Der Text:

" ...Dich zu begleiten -
Durch die weihnachtlichen Zeiten -
Doch wird es nicht einfach sein -
Sind wir doch weit weg daheim -
Kämpfen uns durch Schnee und Kälte -
Bis wir sind bei deinem Zelte -
Und Dir Nachricht bringen dann -
Auf dass Du Dich sehr freuen kannst!"

Da war ich baff. Jetzt geht das Rätsel wieder los.

Am 2.Dezember lag eine Adventskerze im Briefkasten, die goldene Zwei auf rotem kleinen Viereck sorgfältig an die Schleife der Verpackung geknüpft. Bis zum 24. kann ich nun täglich einen halben Zentimeter abbrennen und während der Brenndauer darüber meditieren, wer...? -  Natürlich ist das eine schöne Überraschung, die nicht jedem passiert, und der- oder diejenige wird das wohl auch nicht für jeden machen! Da habe ich wohl einen Verehrer oder eine Verehrerin. Männlich oder weiblich? Ich habe keinen blassen Schimmer. Mir ist das - neben dem Überraschungseffekt - auch ein wenig unheimlich.
 
(c) christA frontzeck

Freitag, 2. Dezember 2011

Adventsgeschichte



In der U-Bahn saß ich und holte das feine Drahtnetz aus der Tasche, mit dem ich noch nichts angestellt hatte. Wie andere Menschen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln lesen, in ihre Handies tickern, stricken, Fingernägel säubern oder vor sich hinstarren, muss ich mich auch betätigen, um die Zeit zwischen Einstieg und Ausstieg zu überbrücken. Zur Zeit ist es eben bei mir die Beschäftigung mit einem dieser Golddrahtnetze. Ich spiele mit meinen Fingerspitzen so lange damit herum, bis eine Figur entstanden ist. Kleine, unaufwendige Bewegungen sind das, geräuschlose, die niemanden behindern.

Aus dem Lautsprecher stolperte die Ansage für die nächste Station und brach plötzlich ab. Da musste ich laut lachen, und aus mir heraus polterte: "Oh, jetzt hat er Schluckauf!" Die junge Frau, die mir gegenüber saß, verstand sofort, was mich erheiterte, und lachte ebenfalls. Ich knetete den Draht. Neben mir saßen drei junge Burschen und tickerten in ihre Handies. "Das kann ich auch!", sagte ich, schaute den neben mir an und dann auf meine Hände. Er verstand nicht, blickte wortlos seine Kumpel an mit einem abfälligen Grinsen im Gesicht. Die junge Frau lachte wieder. Ich tickerte weiter mit den Fingerspitzen. Kurz bevor ich aussteigen musste, war ich fertig. Ich stand auf, ging zur Tür, neben der die junge Frau saß und schenkte es ihr. - "Für mich?" - "Ja!" - Etwas erstaunt  hielt sie das Golddrahtstückchen in ihrer Hand und stand auf. - Wir stiegen gleichzeitig aus und gingen gemeinsam die Treppe zum Ausgang hinauf. - "So eine Überraschung!", sagte sie. - "Schön."




(c) christA frontzeck, Dezember 2011

Donnerstag, 1. Dezember 2011

abgedreht?

Auf einem Bahnsteig in der Hauptstadt: Eine Frau Bettlerin ging auf eine Frau zu, die auf den Zug wartete, und fragte: "Haben Sie mal einen Euro für was zu essen zu kaufen?" - Die Angesprochene verneinte, und Frau Bettlerin wiederholte ihre Frage mehrmals mit direktem Blick in die Augen der anderen, die immer wieder "Nein!" sagte, bis Frau Bettlerin laut und wütend brüllte: "Dann gehen Sie doch mal arbeiten!" Dabei hob sie die Fäuste, so dass es schien, als würde sie gleich zuschlagen. - Nein, sie wendete sich ab und ging auf einen anderen wartenden Fahrgast zu. - Ein junges Paar hatte die Szene aus der Nähe beobachtet. Der junge Mann sagte laut: " Das ist ja ein Ding! - Die bettelt und sagt, die andere soll arbeiten gehen?! - Das ist ja wohl nun völlig abgedreht!"

(c) christA frontzeck, 1.12.2011

Donnerstag, 24. November 2011

Als sie...


Als sie 70 ist, zeigt sie mir einen mit Postkarten prall gefüllten Schuhkarton, die sie aus ihrem Leben aufbewahrt hat. Bei Durchsicht finde ich eine Karte: „Liebe Inge, herzlichen Glückwunsch zu Deinem 16. Geburtstag. Ist es bei Euch auch so kalt? Heil Hitler! Dein Reinhard“. - Der 16. Geburtstag ist im Januar 1937. Auf der Vorderseite ein schwarzweiß Foto: Adolf Hitler in Uniform, er schüttelt einem anderen in Uniform die Hand. Sie stehen auf einer Wiese, Gebirge rundum. Diese Postkarte war damals ein Renner. - Sie steht neben mir, als ich die Karte in der Hand halte und sie frage: „Darf ich die haben?“ – „Oh!“, sagt sie schnell, „Meinen Adolf?“ - , mit einem glücklichen Klang in der Stimme, Wehmut und Sehnsucht nach einer Zeit, in der sie froh war, geschützter und aufgehobener als in jeder anderen Zeit ihres Lebens, dankbar für Freundschaften. Ich sehe sie 14jährig zwischen ihren Mitschülerinnen am Straßenrand stehen, im weißen Kleid, einen Blumenstrauß in der Hand, ausgewählt, um ihn dem Führer zu überreichen. Sehe sie 15jährig mit Onkel und Tante, bei denen sie lebt, um die Mittelschule zu besuchen, vor dem Volksempfänger sitzend, Adolfs Reden mit Bewunderung lauschend, im Anschluss kartenspielend oder singend. Sehe sie ein Jahr später den Gruß in den Händen haltend, verträumt an Reinhard denkend. - Nicht durch den Text sondern durch die Betrachtung des Fotos wird sie mit 70 plötzlich 16jährig in Haltung, Stimme und Mimik. Sie sieht ganz jung aus, wie sie in diesem Erinnern neben mir steht. Da ist es unmöglich, Fragen nach dem Bösen zu stellen. Später erzählt sie von ihrer Verschüttung unterm Hauptbahnhof in Dresden und dem langen Heimweg mit dem Rad in Etappen bis nach Schleswig-Holstein. Durchgeschlagen haben sie sich, sie und ihre Kameradin, in dem sie für die Besatzer kochten. Zum Geburtstag ihres Vaters erreichte sie den elterlichen Hof, 24 Jahre jung, der Zwillingsbruder war im Krieg gefallen. „In Bergen-Belsen hatten die Amerikaner Leiche neben Leiche am Straßenrand aneinandergereiht. Da habe ich zum ersten Mal gesehen, dass…“, sagt sie und spricht nicht weiter. - „Ihr habt ja keine Ahnung!“, sagt sie ein paar Jahre später zornig.

Als sie 80 ist, sieht sie eine Folge „Hitler und seine Frauen“ im Fernsehen. „Ich kenne sie ja alle“, sagt sie. „Das war ja meine Zeit. Ich wurde immer ausgewählt, weil ich so blond war und so blaue Augen hatte.“ – Aber,“ sagt sie nach einer Weile, „ich gehörte nicht zu denen, die sich nach einem Händeschütteln wochenlang nicht die Hände gewaschen haben.“

© christA frontzeck

Donnerstag, 3. November 2011

Engel werden



Sie sitzt hinterm Pfeiler, nicht weil sie sich versteckt hat, sondern weil sie dort lebt. - Zwei Männer stehen auf der Brücke.

- "Weißt du?", sagt der eine, "es ist seltsam - auf meinem Rücken... - ja ... - wie soll ich es sagen?" Der andere raucht; sie starren auf den dunklen Fluss. - "Nun red schon!", sagt er. - "Ich hab's schon meinem Arzt gezeigt." - "Was?" - "Der sagt, so etwas habe er noch nie gese­hen." - "Ja was denn?!", fragt der andere ungeduldig und schmeißt seine Kippe hinunter.
- "Kleine Daunenfedern!" - "Das ist jetzt nicht dein Ernst! - Du spinnst doch!" - "Nein!!!" - "So etwas gibt es nicht.", sagt der andere. - "Ich versteh's ja auch nicht.", sagt der eine, "samt­weich und hell wie von kleinen Küken." - "Zeig her!" - "Es ist zu dunkel hier." - "Du lügst.", sagt der andere und geht.
Der eine zieht sich aus und setzt sich auf das Brückengeländer. Als die Sonne aufgeht, fliegt er.
- "Ich habe gesehen, wie einer zum Engel wurde.", erzählt die Frau, die hinterm Pfeiler lebt, den Freunden. - "Du lügst.", sagen die und gehen fort. 

© christA frontzeck





(Foto: Ron Mueck, Angel, 1997)




Sonntag, 30. Oktober 2011

Terror

Terror, lat. m. – Schreck(en); Schrecknis; Schreckensnachricht; (Ov.) Terror, personifiziert, der Schrecken – so steht es im Lateinischen Wörterbuch.

Um einen Bruchteil der Frage „Was ist Terror?“ um die Ahnung eines Bruchteils einer Antwort zu bereichern, braucht das Individuum eine sinnliche Erfahrung, die in einer gemeinsam erlebten Situation in jedem Beteiligten wiederum eine andere sein wird und sich durch das Wechselspiel von Behagen und Unbehagen auszeichnet. Im Unbehagen wird das Individuum mit Eigenem konfrontiert, Angst, Wut, Panik, Aggression... - Lust im Unbehagen zu entwickeln, kann zu einem Schrecken vor dem Eigenen führen, zum Beispiel zu dem Erkennen einer inneren Brutalität, die Gleichgesinnte sucht, oder sie kann dazu führen, sich dem Behagen zuzuwenden, die Situation in ihrer Komik zu genießen, um Freude und Spaß darin zu finden, daß der Ablauf einer gewohnten Handlung gestört wird und daraus einen Lustgewinn zu beziehen. Die Ergebnisse einer sinnlichen Erfahrung sind bleibend und bleiben Mosaikteilchen, die sich um den Hintergrund der Frage „Was ist Terror?“ zum Bruchteil einer Antwort formieren. - Terror und Antiterror sind jetzt häufig benutzte Worte, der Schrecken und der Gegenschrecken. „Was ist Antiterror?“ - Was macht der Gegenschrecken? Er begegnet dem Schrecken mit Schrecken, Terror begegnet Terror.
Ein Redner hält einen Vortrag vor einer Gruppe. Ein Mitglied der Gruppe fragt plötzlich laut: „Was ist Terror?“ Der Redner ist irritiert, und alle anderen sind es auch. Der Vortrag wird fortgesetzt, in den Zeitabständen unberechenbar wird nun immer wieder die Frage „Was ist Terror?“ eingeworfen. Ordnungskräfte werden einschreiten. Es wird Diskussionen geben. Am Ende hängt in allen physisch und psychisch die Frage „Was ist Terror?“, an den Inhalt des Vortrags wird sich keiner erinnern, an die Situation und an die Frage wird sich jeder immer erinnern. Die Frage „Was ist Terror?“ bleibt unbeantwortet.
Ein kleines Kind, das noch kaum sprechen kann, ist ein Wesen mit puren Sinnen und in jeder Sekunde seines Lebens fähig, seinen Bedürfnissen, Launen, Eingebungen… zu folgen, ohne Böses im Sinn zu haben. Was ihm nicht behagt, äußert sich im Unbehagen. – Stellen wir uns eine Gruppe von Studenten, ihren Lehrer, eine Mutter, ihr Kleinkind und den Vater vor. Alle erscheinen zum Seminar, das wie immer nach Stundenplan und Thema stattfindet. Die Anwesenheit der Mutter und des Kindes sind ein Regelbruch. Neunzig Minuten lang darf keiner den Saal verlassen, das Kind kann machen, was es will, und niemand darf sich in sein Verhalten einmischen, auch die Mutter nicht; sie bleibt im Hintergrund und ist einfach nur da. Das Kind hat gegessen, geschlafen, frische Windeln an, es ist gesund. Spielzeug steht nicht zur Verfügung. Das Kind darf seinem Entdeckungstrieb nachgehen. Niemand darf mit ihm spielen. Jeder muss sich auf seine Aufgabe konzentrieren, nur die Mutter darf das nicht… Ist es möglich, dass in dieser Situation alle Personen eine Ahnung davon erfahren, was Terror ist?

Anders lautend als die Übersetzung im Lateinischen Wörterbuch verbreitet ein deutsches Lexikon: Terror, der, lat. ; Schreckensherrschaft.

Was ist Terror?


(c) christA frontzeck

s.a.: http://vimeo.com/28720934

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Die Maske



In einem Traum habe ich dir die Maske abgenommen. - Das war nicht einfach. - Eine große Decke habe ich auf dem Boden ausgebreitet und noch eine weitere darauf gelegt, damit es etwas weicher wurde, ein kleines Kissen für den Kopf und über diesem Lager habe ich ein großes, weißes Leinentuch aus dem Nachlass meiner Mutter glatt gestrichen. Viele Gipsbinden, eine Schere und ein Handtuch habe ich neben dem Kopfteil bereit gelegt und Vaseline, eine Schüssel für die Gipsstreifen, eine Schale mit warmem Wasser und ein Fläschchen Öl dorthin gestellt, wo ich neben deinem Kopf sitzen würde; zwei Röhrchen musste ich suchen und fand sie im untersten Fach eines kleinen Schränkchens. Ich bat dich, dich auf dem Rücken hinzulegen, auszustrecken und zu entspannen. Eine Zudecke musste ich holen und aus einem großen Badetuch eine Rolle wickeln, die ich unter deine Knie legte. Musik wolltest du nicht hören. Nachdem ich dir gesagt hatte, dass du dich darauf konzentrieren solltest, ruhig zu atmen und besonders auf die Entspannung deines Gesichts zu achten, schwiegen wir.
Ich hockte mich neben dich und begann, die Gipsbinden in viele kleine Stückchen zu zerschneiden ohne zu wissen, wie viele ich brauchen würde, um später drei Schichten auf dein Gesicht zu legen. Als sich in der Schüssel ein kleiner Berg türmte, wusch ich mir die Hände, setzte mich so an das Kopfende, dass dein Kopf nahe an meinem Schoss lag und ich die Beine links und rechts von deinen Schultern ausstrecken konnte. Ich nahm das Ölfläschchen, träufelte ein paar Tropfen in meine Hände und begann, sie in dein Gesicht ein zu massieren, vom Kinn an beidseitig die Wangen hoch an den Schläfen entlang zur Stirn und wieder abwärts mit sanften Fingerspitzen über die ein wenig zitternden Augenlider, den Nasenrücken - die Nasenflügel bebten leicht in der Atmung - die Lippen, das Kinn und auch der Hals wurden massiert. Es wiederholte sich von unten nach oben, von oben nach unten, ein paar Male, bis das ganze Gesicht das Öl in seinen Poren aufgenommen hatte und die Muskulatur mir entspannt schien, gut vorbereitet für die Schicht aus Vaseline.
Mir war nicht recht klar, wie ich mit den Augenbrauen - den langen borstigen - und dem Oberlippenbart umgehen sollte; der Haaransatz musste abgedeckt werden. Ich stand auf und holte Wattestäbchen. Mit denen verteilte ich zunächst Öl und dann Vaseline auf die Barthaare, die Augenbrauen und das Haar neben den Ohren. Jedes Härchen musste einzeln ummantelt werden. Du atmetest ruhig. - Warst du eingeschlafen? - Ich musste noch einmal aufstehen, um einen Kamm zu holen. Mit reichlich Vaseline an den Fingerspitzen strich ich das Kopfhaar aus dem Gesicht und glättete es mit dem Kamm nach hinten. Mit reichlich Vaseline wurde anschließend die gesamte Maskenfläche eingesalbt.
"Die erste Schicht Gips ist die einfachste. Bei der zweiten fängt sie bereits an zu härten. und die darunter liegende Haut lässt sich kaum bewegen. Sie fühlt sich nach und nach beinahe so starr an wie die Maske selbst. Da wird der Mimik bewusst, dass sie zur Maske wird, und das Gefühl breitet sich im Körper aus. Du wirst das merken. Jeder merkt das in dieser Situation. Wenn du es nicht aushältst, können wir sofort abbrechen. - Ich fange jetzt an.", sagte ich. Du nicktest. Also warst du nicht eingeschlafen. Ich wischte meine Hände in einem Zipfel des Lakens ab und begann, Gipsstreifen für Gipsstreifen in die Wasserschüssel zu tauchen und auf dein Gesicht zu legen. Streifen für Streifen strich ich glatt und passte ihn Stück für Stück dem Gesicht an, bis die erste Schicht verlegt war. Nur die Nasenlöcher blieben frei. Im Gips entschwanden deine Falten meinem Blick. Widerborstig waren Augenbrauen und Schnauzbart; ich musste sie noch einmal mit Vaseline einstreichen, damit der Gips nicht an ihnen haftete. Als ich mit der zweiten Schicht das Kinn erreichte, war es schon starr. Aus deinen Nasenlöchern kamen kleine Geräusche, deine Atmung war etwas schneller geworden, dein linker Oberarm zuckte, und du machtest mit den Füssen kleine, kreisende Bewegungen. Bevor ich mit der dritten Schicht anfing, machte ich eine Pause und forderte dich auf, ein wenig mit der Gesichtsmuskulatur zu spielen. Viel Spielraum gab es nicht; die kleine Bewegung lockerte die Gipsschicht von der Haut. Zumindest an den meisten Stellen.
Ich begann mit der dritten Schicht. Die Maske war schon ziemlich hart. Du spürtest darunter bereits nicht mehr, wo ich den nächsten Gipsstreifen auflegte. An der Nasenspitze angelangt, sagte ich: "Ich führe jetzt vorsichtig die Röhrchen in die Nasenlöcher." Dann führte ich ganz behutsam die beiden Röhrchen ein, konnte die Nasenflügel und den Steg modulieren und die dritte Schicht bis unterhalb des Kinns beenden.
"Jetzt musst du noch ein wenig Geduld haben, bis die Maske vollkommen ausgehärtet ist.", sagte ich und stand auf, um mir im Bad die Hände zu waschen. Ich schlüpfte in deinen Körper hinein und fühlte, wie du dich fühlen musstest, fühlte, was ein Toter nicht fühlen kann, wenn ihm die Maske abgenommen wird. Sie ist unbequem. Die Mimik erstarrt. Du weißt nicht mehr, was Innen- oder Aussenhaut ist. Ich erinnerte mich daran, wie meine Tochter mir einmal die Maske einer ständig grinsenden Mitschülerin vorführte. "Da kriegt man ja Muskelkater, wenn man immer grinst. Das tut doch weh!" - So ist es mit dem Starren.
Ich sah es in dir arbeiten, konzentriert am Schreibtisch sitzend oder einem Vortrag lauschend, die Stirnfalten auf den Punkt zwischen den Augenbrauen zusammen gezogen, dorthin von wo aus immer die Kopfweh kommen. Da sind dann im Laufe der Jahre die tiefen Falten entstanden, die sich nicht mehr glätten lassen. Ich schlüpfte wieder hinaus aus deinem Körper. Es war mir zu eng. Bis es soweit war, dass wir die Maske abnehmen konnten, räumte ich die Utensilien fort, füllte die Wasserschüssel mit warmem Wasser, legte einen Waschlappen, Watte und ein Handtuch bereit.
"Jetzt musst du noch einmal deine Gesichtsmuskeln soweit wie möglich in alle Richtungen bewegen, damit sie sich lockert!", sagte ich. Ich hatte mich wieder so hingesetzt, dass dein Kopf nahe an meinem Schoss lag und ich die Beine seitlich deiner Schultern ausstrecken konnte. Dein linker Oberarm zuckte. Du stöhntest. Aus deinem Brustkorb drang dieses tiefe Brummen, das ich nie gelernt habe zu imitieren. Ich entfernte die Röhrchen aus den Nasenlöchern. Mit meinen Fingerspitzen begann ich, die Maske an den Aussenkanten zu lockern. Ganz behutsam, damit sie nicht bröckelten, hob ich sie an. Mit einem schmatzenden Geräusch liess sie sich von deinem Gesicht lösen. Auch das Barthaar und die Augenbrauen waren kein Problem, wie ich befürchtet hatte. Dein Gipsgesicht hielt ich nun in meinen Händen, legte es behutsam zur Seite, tauchte etwas Watte ins warme Wasser, mit der ich sanft die Vaseline von deinen Augenlidern entfernte. Als ich innehielt, öffnetest du deine Augen, dein Mund begann zu lächeln, und du blicktest mich mit diesem Strahlen an, das du lange nicht an dir hattest.
Mit neuer Watte entfernte ich die restliche Vaseline vom Gesicht, wusch es mit Waschlappen und warmem Wasser ab und tupfte es mit dem Handtuch trocken. - Ich stand auf, brachte die Schüssel ins Bad und nahm die Wolldecke, die dich bedeckte, hoch, faltete sie zusammen und sagte: "Du kannst jetzt langsam aufstehen, - langsam, hörst du?" 

(c) christA frontzeck

Dienstag, 27. September 2011

Haiku?

Traumhülsentrümmer
vage Fetzen zersplittern
den Tag wie ziellos


(c) christA frontzeck

Samstag, 17. September 2011

Sich vertragen

Wir hatten uns gestritten. Worum es ging, weiß ich gar nicht mehr. Kann sein, dass wir uns nicht einigen konnten, wer zuerst auf den Hochsitz klettern durfte, den der Großvater für uns zwischen zwei hohen Pappeln gebaut hatte. Oben konnten wir zu zweit oder gar zu dritt sitzen, doch hinauf mussten wir einer nach dem anderen. Kann sein, wir stritten darüber, wer am besten das Zuckerei schlagen konnte. Eigelb mit Zucker verrührt war, wenn ich mich recht erinnere, die einzige Süßigkeit, die es damals außer des Kuchens am Sonntag für uns Kinder gab. Auf jeden Fall hatten wir so heftig gestritten, dass wir nicht mehr miteinander redeten. Den anderen im Blick taten wir so, als könnten wir auch ganz gut alleine spielen, bis die Großmutter uns wieder zusammenbrachte. Sie sagte: jetzt schaut euch an, gebt euch die Hand und vertragt euch wieder! Es fiel ein bißchen schwer, sich in die Augen zu schauen. Wir hatten noch hochrote Köpfe vom Streit und vom Sommer. - Na wirds bald?, sagte die Großmutter streng. Dann schauten wir uns an und gaben uns die Hand. Der Cousin murmelte noch etwas Unverständliches, und wir liefen wieder hinaus, um weiter zu spielen. So war das mit dem Sich-wieder-vertragen, als wir Kinder waren. So einfach. -

Heute braucht man Mediation, Paartherapie etc., in manchen Fällen brauchts sogar die Nato-Truppen, nur weil keine Großmutter da ist, die sagt: jetzt gebt euch die Hand und vertragt euch wieder!


(c) christA frontzeck

Dienstag, 6. September 2011

An einem sonnigen Nachmittag


Es ist ein kleines, mit Drahtzaun umzäuntes, dreieckiges Grundstück zwischen einer kopfsteingepflasterten Sackgasse, Spielplätzen, einem Fußballfeld und einem Grünstreifen, der als Feuerwehrzufahrt ausgeschildert ist. Die Autowerkstatt liegt im Grünen.

Am Sonntagnachmittag klettert ein Jugendlicher geschickt über das Eingangstor von innen nach außen, in einer Hand eine Plastikflasche, in der eine klare Flüssigkeit herum schwappt. Er blickt sich verstohlen um, schaut in den Hof der Werkstatt, sieht seine beiden Kameraden hinter dem Fahrzeugschuppen verschwinden, rennt die Sackgasse hoch und verschwindet am Ende nach links. Plötzlich hat ein Spaziergänger, der den Jungen beobachtet hat, ein ungutes Gefühl. Er bleibt stehen, kehrt um bis zum Eingangstor der Werkstatt, sieht ganz hinten die Schatten zweier Jugendlicher herum huschen und überlegt, ob diese - aus Langeweile am Sonntagnachmittag - Autobrandstifter nachahmen wollen? Was sonst treiben die dort? Die am Wochenende geschlossene Werkstatt, in deren Hof etliche Fahrzeuge unbeaufsichtigt stehen, könnte geradezu eine Aufforderung sein, es auch mal zu tun. "Wenn Ihnen etwas seltsam..., informieren Sie die...!", fällt dem Spaziergänger ein.  Andererseits denkt er daran, dass Jugendliche in dem Alter einfach nur neugierig sind und gerne dort herum stöbern, wo es eigentlich nicht erlaubt ist. - "Aber... -, und wenn... -", denkt er auch und: "Aber nein!" Weder hat er ein Mobiltelefon noch gibt es eine Zelle in der Nähe. Er betrachtet die Blümchen, die vor der Werkstatt entlang des Zauns gepflanzt sind, bevor er weiter geht. Die Schatten auf dem Hof sind verschwunden.

Auf der Rückseite der Werkstatt klettern zwei Jugendliche über den Zaun zur Feuerwehrauffahrt. Einer von beiden trägt einen Fußball unterm Arm.



(c) christA frontzeck

Donnerstag, 25. August 2011

...(und immer wieder aktuell)

vatta mit
die tochta
im keller
fiele jahre
eins von sieben
im ölofen vabrannt
drei aufgezogen mit
mutta
nix gewusst
allet eingesperrt
üba jahre fiele
fiele
vawandte och nix
gewusst

nachbarn?

oh,
meine gänseüberhaut,
wo lass ich sie?

wer
macht sie
wieder
glatt?


(c) christA frontzeck, 2008

Samstag, 20. August 2011

An einer Supermarktkasse

Die Kundin gibt der Kassiererin Geld für den Einkauf in die Hand. Etwas fällt daneben, die Kassiererin taucht nach unten, um es zu suchen. Kopfschüttelnd taucht sie wieder auf.

"Aber, ich hab es Ihnen gegeben!", sagt die Kundin, die mit dem Portemonnaie in der Hand vor der Kasse steht.

"Aber nicht in die Hand!", sagt die Kassiererin etwas ungehalten und taucht wieder suchend nach unten ab. Die Schlange an der Kasse wächst, und wieder kommt die Kassiererin kopfschüttelnd ohne das hinuntergefallenene Geld hoch.

"Aber,....!", sagt die Kundin. Es ist ihr anzusehen, dass sie das verlorengegangene Geld nicht zum zweiten Mal herausrücken wird.

"Aber...!!!", beharrt die Kassiererin und geht wieder auf Tauchstation.

Die Schlange wächst um weitere zwei Kunden. Der Vorfall wiederholt sich noch ein paar Mal. Die Schlange wächst.

"Worum handelt es sich denn?", fragt die Kundin schließlich, die als nächste an der Reihe sein soll und das kleine Schauspiel amüsiert beobachtet hat.

"Um zwanzig Cent!", antwortet die Kassiererin, ihr Blick streift wieder suchend über den Boden, auf dem sich allerlei Kram rund um den Fußbereich stapelt.

"Kommen Sie, ich gebe sie Ihnen.", sagt die Kundin und holt aus ihrem Portemonnaie ein zwanzig Cent Stück. Die Kassierein schaut verdutzt und streckt ihre Hand aus.

"Ich gebe sie Ihnen auch direkt in die Hand.", sagt Kundin Nr. 2 lachend und läßt die Münze in die Hand der Kassiererin fallen.

Die Münze wandert in die Kasse, deren Schublade sich mit einem "Jetzt stimmts!"-Pling schließt. Die Kassiererin reicht Kundin Nr. 1 den Kassenbon, den diese in ihrem Portemonnaie verstaut, bevor sie zwanzig Cent herausnimmt, sich Kundin Nr.2 zuwendet und sie ihr schmunzelnd gibt.

(c) christA frontzeck

Donnerstag, 4. August 2011

New York und ich


New York, das wird dir sehr gefallen, hat eine Freundin zu mir gesagt... zurück in Berlin lasse ich meine Eindrücke ein wenig ausklingen... es war meist spätsommerlich warm dort... bei Ankunft am Flughafen wird der Besucher übermüdet im landesgängigen Schlangestehen trainiert... ich muss meine Visapapiere nochmals ausfüllen, weil ich sie mit blauem anstatt schwarzen Kugelschreiber ausgefüllt hatte... New Yorker kennen keinen Sternenhimmel... Ich habe gehört, ein New Yorker verbrauche pro Tag die Energie, die eine afrikanische Familie für ein halbes Jahr bräuchte... habe viel Verfall und Verwahrlosung gesehen... das permanente Surren der Klimaanlagen ist ein vorherrschendes Geräusch... Sirenen, Fluglärm, das Rollen und Hupen der Autos sind nicht wegzudenken... ein dunkelhäutiger Eismann hat mich gefragt, ob die Deutschen immer noch geteilt seien?... habe schlechte Kunst gesehen... beim Einstieg in U-Bahnen stellt sich die Frage nach Sicherheit... in Schlaglöchern auf den Strassen kannst du dir nicht nur den Knöchel brechen, du kannst sterben, wenn du nicht aufpasst... nachdem ich drei Tage dort war, habe ich gedacht, in New York können nur gestörte Menschen leben... wie Menschen aus Europa 5 Tage zum Einkaufen dorthin fliegen können, ist mir völlig unverständlich geblieben... mindestens eine Stunde U-Bahn-Fahrt, um in einen Park zu gelangen... ein WirrWarr an Stimmen, an Kulturen, an Buntem... die leckersten Gartenäpfel seit Jahren habe ich auf einem Bauernmarkt gefunden... die stinkendsten Obdachlosen auf Bänken schlafen sehen... Eichhörnchen sind grau, sie sind mutierte Ratten... die Blätter der dortigen Eichen sind wie feines Gefieder, das Haus der Eichel ist weichstachelig... alle Menschen gehen bei Rot über die Ampeln, wenn keine Gefahr besteht... durch einige Strassen Manhattans zu laufen, erscheint mir wie durch einen versteinerten hohen Wald zu gehen... der Boden unter meinen Füßen vibriert ähnlich wie der Boden der durch ihre Stahlkonstruktion schwankende Kuppel des Reichstagsgebäudes... wie auf einem Jahrmarkt komme ich mir vor, an allen Straßenecken steigt der Geruch gebrannter Mandeln in die Nase und der des verbrannten Abklatsches bayerischer Laugenbrezeln... manche essen sie mit Senf... an einem Wohnwagen, der am Straßenrand steht, kaufe ich eine Briefmarke... der Mann macht einen Air Mail Stempel auf meinen Brief und gibt ihn mir zurück... wo der nächste Briefkasten sei, wisse er nicht... Briefkästen sind schwer auszumachen..., sie sind dunkelblau, und da sie aussehen wie verbeulte Mülleimer, machen sie keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck... große Begeisterung für die Brücke von Brooklyn nach Manhattan... Freiheitsstatue links, vorne die Skyline, auch ohne World Trade Center beeindruckend... an Fenstern, auf Köpfen, an Autos, auf Häuserdächern wehen die am Ende vom Wind ausgefransten Nationalfähnchen aus schlechten Stoffen... zum Jahresende werden sie verweht sein, wenn sie nicht ausgetauscht werden... freundliche Menschen aller Hautfarben sind überall schnell zu kleinem, freundlichen Wortgeplänkel bereit... im Vorübergehen auf der Strasse ist oft ein Lächeln auf den Lippen... in den Waschsalons und in den Banken laufen Fernseher... Skulpturen von Rodin habe ich gesehen, die mir sehr gut gefallen haben; sein Denker leider und unverständlicherweise sehr hoch unter der Decke platziert... in den U-Bahnen gibt es keine Schwarzfahrer... wenn du kein Geld hast, kannst du nicht U-Bahn fahren... wo früher das World Trade Center stand, war vorher das arabische Viertel, habe ich gehört... vom Krieg in Afghanistan war wenig zu erfahren, von Milzbrand ein bisschen, von Europa fast gar nichts... das Leitungswasser stinkt nach Chlor... was ich von der Stadt kennen gelernt habe, erscheint mir wie eine riesengroße Stone-Washing-Machine, in der sich alles immer umwälzt und auf nichts Verlass ist als auf Lärm... Hunde kläffen... Grillen zirpen... Vögel singen Lieder, die ich hier nie gehört habe... vor dem Fenster, hinter dem ich schlief, ein überriesengroßer Weidenbaum, dessen im Winde wehende Zweige mir erschienen wie die überriesengroße Mähne eines Pferdes, das in meinen Träumen dahinreitet... ging ich durch die Strassen, habe ich mich gefragt, was dieses Herumlaufen solle? Sah ich mir die Menschen an, vergaß ich meine Suche nach einem einzigen Mitbringsel; sah ich die Häuser an, vergaß ich die Menschen... so verworren alles... wäre ich nicht gut aufgehoben dort gewesen, hätte ich mich sehr verloren gefühlt...


(c) christA frontzeck, Oktober 2001

Sonntag, 24. Juli 2011

vielbinicheine


binich
innenbinichtief
binich
tiefbinichunten
binich
untenbinichschwer
binich
schwerbinichwer
binich
werbinichnichts
binich
nichtsbinichleicht
binich
leichtbinichschwebend
binich
schwebendbinichglas
binich
glasbinichsand
binich
sandbinichwüste
binich
wüstebinichwind
binich
windbinichhauch
binich
hauchbinichoben
binich
obenbinichwolke
binich
wolkebinichregen
binich
regenbinichmeer
binich
meerbinichwelle
binich
wellebinichsturm
binich
sturmbinichviel
binich
vielbinicheine.

(c) christA frontzeck

Dienstag, 19. Juli 2011

"gasförmig"



sie war
prachtvoll innige
liebe verbundener
einsamkeiten
ungreifbar
verflüchtet
als ein tropfen äther
auf dem nackten
stein
in amoras sonne -
einem traum zukünftiger
reisen
weder auf dem erd-
noch dem meeresboden
zu halten

ungreifbar wie
der Tod.



© christA frontzeck, 2011

Samstag, 2. Juli 2011

"Keiner spielt mit mir!"

Wie ein mauliges Kind an einem grauen Samstagnachmittag komme sie sich vor, sagt sie. Wir sitzen im Cafe, vor uns auf dem Tisch stehen die duftenden Milchkaffees. - "Spielen will das Kind, etwas entdecken, etwas Neues erleben und nicht am Tisch herumsitzen, die Beine baumeln lassen und die Wand anstarren. Es will keinen Kakao, keine Kekse. Es will nicht mit einem Buch ruhig gestellt werden und die Klappe halten müssen. Es will nicht noch ein Bild malen für die Oma oder sonstwen oder einen Brief schreiben an Tante Sowieso. Es will sich bewegen, sehen, staunen.  Blödsinnige Weihnachtssterne basteln will es auch nicht oder Martinslaternen aus schwarzem Karton und transparentem Buntpapier. Es will laufen und rennen, schnaufen und vor Atemlosigkeit Seitenstiche kriegen. Es will nicht Rede und Antwort stehen müssen wegen der unerledigten Hausaufgaben und der mangelnden Lernbereitschaft in langweiligen Schulangelegenheiten. Es will keine Vorträge. Es will sich nicht ständig selbst beschäftigen. Es will sich nicht immer selbst genügen müssen. Es will nicht, dass man ihm übers Haar streichelt und ihm sagt: Sitz still, hampel nicht herum und sei nicht so albern! Es will machen können - nicht immer nur allein sondern auch mit anderen. - Egal, wohin es schaut und seine Fühler ausstreckt, haben die etwas anderes vor, keine Zeit, sitzen noch im Bademantel herum, können sich nicht aufraffen, haben keine Idee, hängen vor der Glotze oder im Internet, spielen mit ihren Handies und grinsen aufs Display..."  - Blöd sei das, sagt sie und: "Verstehst du?". fragt sie, steht auf, zahlt beim Kellner die Milchkaffees und geht.

(c) christA frontzeck, 2009

Freitag, 1. Juli 2011

Kohlenhaufen


Die Bücherladung auf dem Boden vor der Bücherwand im hinteren Zimmer bei X. hat mich an etwas erinnert, das ich völlig vergessen hatte. Als es noch viele Ofenheizungen gab, wurden Kohlen bestellt. Sammelbestellungen waren billiger, und noch billiger wurde es, wenn die Kohlenhändler Briketts und Eierkohlen nicht in die Keller trugen, sondern die Ladung vor dem Haus auf den Gehweg kippten. Ich erinnere mich an diese riesigen Brikett- und Eierkohlenhaufen, die die Mieter dann auf Schubkarren in ihre Kellerverschläge brachten. Dieses gemeinsame Handeln hat sicherlich den Hausgemeinschaften gut getan. Auf jeden Fall gab es viel mehr Hoffeste als heute.

Menschen leben isolierter mit dem Wahn, immer größer, immer schneller, immer weiter, immer besser, immer mehr...

Da bin ich wirklich froh, in meinem "Dorf" in der Hauptstadt zu leben! - Für Ende Mai haben übrigens die vielen, engagierten Ehrenamtlichen einen großen Flohmarkt organisiert. In allen Strassen können vor den Häusern Tische aufgestellt werden, und die Leute können ihren aussortierten Krempel anbieten. - Na ja, nun habe ich gerade meinen ausrangierten Küchenkleinscheiß inklusive unbenutztem Elektromesser, das mir meine Oma vor 30 Jahren mal geschenkt hat,  in den Hospitzladen gebracht, außerdem hat mein Tapeziertisch meinen Umzug vor fünf Jahren nicht überlebt und mir fehlt ein Wagen für die Ladung, die ich gerne abgeben würde...

Was bei dem einen die Bücherladung ist, ist bei mir der Bilderstapel unterm Bett, den ich jetzt endlich angehen muss, weil ich sonst die Staffelei nicht hinterm Schrank verstauen kann, und das muss ich bis Montag geschafft haben, um Platz zu haben für die Sachen, die vor den Fenstern stehen. Montag und Dienstag kommen nämlich der Tischler und der Maler. - Wie kann man sich bloß mit der eigenen Arbeit so viel Arbeit aufhalsen? Mit und ohne Kräftemangel ist das alles schwer zu überblicken.

Mit Y., die mich ein paar Tage besucht hat und meint, sie sei ja schon sehr sortiert, hatte ich auch wieder diese Gespräche über das Viele. Selbst Z., ein alter Bekannter, den wir trafen,  der eine große und kahle Wohnung hat,  meinte, es müsse alles raus! Na ja, ich weiß schon, wo der seine "Ladungen" versteckt hat. Und wenn ich an das Haus meiner Mutter denke, das ja auch bald mal aufgelöst werden muss, wird mir ganz schlecht. "Eigentlich" darf keiner die Nachwelt mit so einem Krempel belasten.

Was wir da im Kleinen machen, macht die Politik im Großen, scheint mir. Ich glaube, die blicken jetzt mit ihrem EU-Rettungsschirm überhaupt nicht mehr durch. Deutschland, so hieß es am Sonntag in Brüssel, habe Vorbildcharakter mit der Schuldenbremse. Da musste ich laut lachen.

Berlin - Ausnahmezustand im Regierungsviertel. Wieder kommen die Fraktionen zu Sondersitzungen zusammen. Wieder geht es um Milliarden. Nur der Betrag hat sich versechsfacht. Bewilligten die Abgeordneten in der vergangenen Woche noch mehr als 20 Milliarden Euro Kreditlinien zur Rettung Griechenlands, so fordert Kanzlerin Angela Merkel nun 123 Milliarden Euro von ihnen. Für einen Rettungsschirm..., habe ich gelesen. Schnell mal 100 Milliarden drauf! Wen kümmert's?

Jetzt hickhacken die rum hier in der Regierung. Unglaublich. - Einerseits wegen der Rettung des Euros, andererseits wegen des Wahlergebnisses in NRW. Die CSU will dem "Rettungsschirm" nicht zustimmen, weil Frau Merkel sie zur Krisensitzung am Wochenende nicht eingeladen hat. Sie erklärt das mit der Aschewolke, wegen der wieder der Flughafen in München gesperrt war. Die Kanzelin und der Westerwelle haben eine schwere Zeit. Angie musste schon bekanntgeben, dass es nun leider mit den versprochenen Steuersenkungen nichts wird. Mal sehen, was sie heute noch für Zugeständnisse und Eingeständnisse machen muss. Und morgen?

Bei der Physiotherapeutin lag ich eine Weile in der Fangopackung und sah seltsame, hypnagogische Bilder hinter meinen geschlossenen Augen. Schemen waren es nur, die in rötlichem Nebel auftauchten, verschwanden, wieder auftauchten und sich ineinander verschoben. Es waren Köpfe von Menschen, Gesichter mit Brillen, junge, mittelalte, alte Gesichter. Mal tauchten sie mit dem ganzen Gesicht auf, mal seitlich im Profil, einmal sah ich einen Kopf und Schultern, einen Körper im Mantel, der sich abwendete und fortging. Ich kannte sie alle, diese Gesichter und auch in den verschiedenen Altersstufen; in jedem konnte ich Verwandtschaft ganz flüchtig erkennen: Vater, Großvater, Tochter, Großmutter, Bruder, Schwester, ich, Mutter... Und alle waren immer meine Mutter. - Boah! - Wenn ich wüßte, wie man so etwas filmisch umsetzen kann, würde ich es tun. Leider funktioniert der Fotoapparat nicht bei Bildern, die sich innen zeigen. Zeichnerisch ist es sicherlich eine unglaubliche Arbeit, das darzustellen, was ich gesehen habe. Da reichte nicht eine Zeichnung, 30 und mehr müssten es wohl werden.

Als die Physiotherapeutin wegen der Behandlung kam, wußte ich nicht, ob es nicht besser wäre, aufzustehen und zu gehen. Das habe ich dann doch nicht gemacht, hatte aber meine Mühe, mich in die Bauchlage zu drehen und wieder die Augen zu schließen. Und, sie kamen tatsächlich wieder, diese Bilder! Nicht eins ähnelte dem anderen, obwohl sich alle ähnelten und immer war es meine Mutter...

Ja, die sendet, meine Mutter (89). - Und die Bilder kommen an. - Ohne Internet. - Es gibt nicht viele Menschen, die das begreifen.

"Die Menschen werden unverbindlicher. Das ist ein Zeitgeistzeichen... Jeder geht seinen Weg mit der Kraft, die er hat und im Bemühen, sie ökonomisch einzusetzen...", hat E. mir geschrieben.

Das Unverbindliche, ein Zeitgeistzeichen? - Hmmh. - Na ja, ich könnte schreiben und schreiben und schreiben und... - oben an der Zimmerdecke sitzt eine Motte und unterm Bett warten die Sachen...

 
(c) christA frontzeck, Mai 2010


Mittwoch, 29. Juni 2011

zebrastreifen

schuhe mag ich nicht, sagt das blau geringelte zebra, streift sie ab und läßt sich durch die waschanlage treiben. - übrigens musste ich an unseren ersten kuss denken, mit dem du mich damals benebelt hast in den bus einsteigen lassen, sagt es, als es frisch gedüngt und frei gewaschen bis auf die üblichen streifen aus der dusche steigt. - keiner ähnelt dem anderen. - ja, ja, was die hitze so anstellt mit einem!





(c) christA frontzeck

Mittwoch, 23. März 2011

Gesicht

Gesicht
ich zeige
bleich
und lege Rouge auf
eines Morgens
Kerben am Mund
Querfalten auf der Stirn
ohne dass
ich erinnere
wie und wann das passiert ist.

Gesicht
ich zeige
geformt durch Zeit
die Jahre
haben mich entstellt
der Krieg
den ich nicht gelebt habe
doch jetzt
da alles bricht
und umbricht.

Gesicht
ich zeige
mich ohne Rouge
tiefe Schatten
konturlos
suche Versteck
trage wieder Rouge
das stimmt heiter
vor Scham
haben sich Türen geöffnet.

Gesicht
ich zeige Augen und sehe
ich komme weitab vom Ziel
das mir nahe war
nicht blaue Augen
sehende
nicht leuchtende Wangen
Fieber.

Gesicht
ich zeige
Antworten Fragen Antworten
neue Formen Widersprüche
Begabung zum Stillstand
mal sehen
was die anderen machen
das Massenversteck
war immer hilfreich.

Gesicht
ich hoffe
ich kenne mich noch im Spiegel
mit und ohne Rouge.

(c) christA frontzeck

Montag, 7. März 2011

Kind & Kunst



Laut hallt die Stimme eines Kindes durch das ganze Ausstellungsgebäude: "Ich bin der König. Bitte, kniet vor mir! - Ich bin der König. Bitte, kniet vor mir! ...!" - Besucher schauen sich irritiert um. Das Ausstellungspersonal rennt auf­gescheucht durchs Haus. "Das Kind soll sofort aufhören!", ruft es streng. - "Ich bin der König. Bitte, kniet vor mir!", schallt es weiter. - Weit und breit ist kein Kind zu sehen. "Ich bin der König. Bitte, kniet vor mir!" - Die Stimme wird lau­ter und leiser. Das Kind experimentiert mit der Akustik. "Iiiiich bin der Kööööööööönig. Bitte kniiiiiiiiet vor miiiiiir! - Ich biiiiin deeer König. Bit-t-t-te...!" -
Es dauert lange, bis die Mutter ihr Kind ortet. Im obersten Stockwerk des Hauses in der Kuppel stehen weiße Stellwände; hinter einer hat sich das Kind versteckt, und es tönt bis ins Kellergeschoss: "Ich bin der König. Bitte...." - "Komm, Süße, wir gehen jetzt!" - "Au ja, geh'n wir Eis essen?", fragt die Süße.

(Käthe Kollwitz Museum, Berlin)

© christA frontzeck

Dienstag, 8. Februar 2011

wartet zukunft?



gedanken umarmen
rauschenlachen im ohr
ein atemzug für morgen
hängt träumerisch im rosenbett
wie immer
wie damals ein erstaunen
zwei leere ein doppeltes grau
gestohlen auf dem tisch
kleine reste zeugnisse
von vorvorgestern
saure schokolade
ein hoffnungsloser
geruch ein türklappen
ohne wohin und warum
eine welle
die hin und her
schäumt wange an wange
flugzeit
auf dem bahnsteig
verblassen die bilder
nicht wie früher
sie nehmen an
und farben im kasten
ein geschenk ohne schleife
noch nicht
die hülle
entfernt

der tag blieb Ich
in dem was
war.

© christA frontzeck

Samstag, 5. Februar 2011

Wie kommt der Strumpf auf die Straße?

    Nicht die, offensichtlich von Menschen in Not, durchstöberten Säcke der Kleidersammlungen und die in deren Umgebung verstreut herumliegenden Kleidungs­stücke geben dem Passanten Rätsel auf, sondern einzel­ne, verloren wirkende.
    Das Taschentuch ist erklärbar. Es fällt beim Her­ausziehen des Handschuhs aus der Jackentasche herun­ter, ohne vom Besitzer bemerkt werden zu können. Doch wie verhält es sich mit einem einsamen Schuh, einem Strumpf oder gar mit einer Unterhose? Diese werden nicht in Jackentaschen herum getragen.
    Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Wenn zum Beispiel eine junge Frau beim Abschied von ihrem Liebs­ten feststellt, daß sie vergessen hat, ihren Slip anzuzie­hen, kann sie sich den ohne weiteres in die Manteltasche einstecken und ihn auf dem Nachhauseweg nach ange­führtem Beispiel verlieren. In ihrer Wohnung wundert sie sich über den Verlust und findet keine Erklärung. Sie wird nicht den Verstand verlieren wegen dieser Nebensache. Sie wird möglicherweise nicht darüber sprechen.
    Selten werden Kleidungsstücke aus dem Fenster geworfen; meist in Verbindung mit Abschiedsszenen, wo­bei das gesamte Hab und Gut der zu verbannenden Per­son einschließlich Rasier -oder Schminkzeug mit nachfol­gendem Koffer fliegt. Das kommt in Filmen vor. Ich selber habe so etwas in der Wirklichkeit nicht gesehen. Einmal warf eine junge Frau das Bett aus dem Fenster der im vierten Stockwerk gelegenen Wohnung ihres Geliebten - Gestell und Matratze - in den Hof hinunter, nachdem sie ihn mit einer anderen Frau im selben erwischt hatte. Ich sah die etwas ramponierten Gegenstände auf dem ge­pflasterten Boden liegen, die Handlung habe ich nicht mit­erlebt.
    Bei jedem Wetter gehe ich gerne spazieren, Son­nenstrahlen locken mich ganz besonders heftig aus dem Haus. Vor einigen Tagen komme ich von einem Spazier­gang unter strahlendblauem Himmel nach drei Stunden zurück. In Höhe der Bäckerei, die wohl achtzig Meter von meinem Haus entfernt liegt, fällt mein Blick auf einen So­cken, nach mondrianschem Vorbild schwarzweißgrauka­riert, der auf dem Gehweg liegt. Ich bleibe stehen und be­trachte ihn. Ohne mich zu bücken - herumliegende So­cken hebe ich nicht ohne weiteres auf - denke ich: so einen besitze ich auch! Tags zuvor hatte ich das Paar an. - Wie kommt mein Socken auf die Straße? - Ist das etwa nicht meiner? - Es ist kaum zu glauben, dass ein anderer einen gleichen aus seiner Manteltasche verloren haben soll. - Ich denke nach.
    Am Abend vorher war ich sehr müde und anstatt mich mit Umwegen vom Schlaf abzuhalten, hatte ich Ober -und Unterbekleidung - Slip, Strümpfe, Hose - zugleich ausgezogen und alles ineinander verknäuelt auf einen Stuhl geworfen. Am Morgen zog ich frische Unterwäsche und neue Strümpfe, doch dieselbe Hose an. Dieser So­cken muss sich in einem Hosenbein befunden haben, ziemlich weit oben, sonst hätte ich ihn in der Wohnung, im Treppenhaus, vor der Haustür, vor dem Nebenhaus oder vor der Autowerkstatt verlieren müssen. Nein, noch ein Stückchen weiter, hier vor der Bäckerei! Ich bücke mich, um den Socken aufzuheben. - Er ist nicht beson­ders schmutzig, kaum betreten. - Passanten müssen einen Bogen um ihn herum gemacht haben. - Es ist Sonn­tag. Am Sonntag sind nicht so viele Menschen in dieser Straße unterwegs wie an anderen Tagen. Ich ekele mich nicht. Ich behalte den Socken in der Hand bis in meine Wohnung hinauf.
    Beim Aufschließen der Wohnungstür - immer noch in Unklarheit des Eigentumsverhältnisses - der Gedanke, was wohl wäre, wenn ich in Zukunft drei Socken dieser Art besäße? - Der Nutzen wäre gleich Null!



(c) christA frontzeck

Montag, 24. Januar 2011

beim Sortieren gefunden



...und ich weiß nicht, was wo dran ist? - weiß nicht, was stimmt, was gilt, was nutzt, was schadet? - Was wollen wir? - Ich weiß, ich wollte viele der Schäden nicht, die angerichtet sind. -

Die Frage nach dem sinnvollen TUN ist einsam.

Beim Sortieren... Zeichen einer anderen Zeit..., sie haben keinen Platz, keinen Raum, keinen Ort..., sie sind Gedanken wert, ein Erinnern..., sie sind Vergangenheit und haben in der Gegenwart keine Zukunft..., so lasse ich sie davonfliegen..., ich brauche sie nicht..., und sie mich nicht..., sie könnten klagen, sie tun es nicht..., sie zeigen kein Abschiedsweh..., sie fliegen...; im Fliegen ist kein Davonstehlen...

es gibt Werte jenseits der Ökonomie“ steht auf einem alten Zettel.

wann ist quitt? – Was war genommen? – Was gegeben? – Was wiegt? – Was wiegt schwerer als leicht?

An meinem Himmel möchte ich Wolken vertreiben. Ohne Rechnungen. Wann geht das auf? fragt es mich manchmal... – Selten geht das auf, manche Rechnungen bleiben offen... und dennoch gleichen sie sich aus...

Sieh mal, sagt ein Kind auf der Strasse zu seiner Mutter, wie schön der Mond heute aussieht. - Da recke ich den Hals und schaue, wie schön er aussieht, der Mond heute. Und ich weiß, nicht nur meinem Hals tut es gut, sich zu recken..., und ich bin eine fremde Frau - nicht die Mutter. Darüber freut sich das Kind.

(c) christA frontzeck

Donnerstag, 20. Januar 2011

Stillstand

Langeweile
gähnt nicht,

sie atmet
Fragen ein,
Sehnsucht aus.

Das Ähneln
des Ein,
des Aus,
ist ein Korsett -

ein unsichtbares.


(c) christA frontzeck

Montag, 17. Januar 2011

Dichte, Dichter!

dichter!

dichtung!

dichte, dichter!

dichtung dichte, dichter!

dichte dichtung! 

dichte!

dichtung.

dichte.


dichte dichtung.

dichte, dichter, dichte!

dichte dichtung dichte, dichter!

dichtung, dichter, dichte!

dichte dichterdichtung.

(c) christA frontzeck

Freitag, 14. Januar 2011

gegen grau

...
eselchen hilf dir
mit rot gefärbtem
haar nimm
die sonne vom bauch
des nachbarn zieh
den regenbogen aus
seinem versteck in
entblätterten bäumen
wirf den blick
in die tanzenden
tropfen sieh
wie sie schillern
bunte bilder
spiegeln kleine
momente
vergessenen glücks
des sommers
in dem schneeflocken
kein sagen
haben kein erinnern
an trostlos
scheinende tage.


(c) christA frontzeck